Glowing fallen leaves A research


First published 2026-02-23 09:00


Gibt es leuchtende Blätter?

In einem Buch aus dem Jahr 1904 von Hans Molisch stiessen wir auf folgende Kapitelüberschrift: Über leuchtende verwesende Blätter
In diesem Kapitel beschreibt H. Molisch, wie er auf der Insel Java zum ersten Mal Blätter sah, von denen ein Leuchten ausging.
Zurück in Prag suchte er das Phänomen in den heimischen Wäldern. Seine Suche wurde belohnt und er fand Buchen- und Eichenblätter, die nachts leuchteten. In alten Aufzeichnungen stiess er auf Erwähnungen, wonach Tulasne, L.R. schon im Jahre 1848 in Frankreich über leuchtende vermodernde Eichenblätter berichtet hatte.
Die Ursache des Leuchtens vermutete Molisch bei Pilzen, die auf den Blättern vorkommen.

Wenn also in Frankreich, Tschechien und Österreich über leuchtende Blätter berichtet wurde, dann müssten wohl auch welche in Zürich zu finden sein, dachten wir uns, und machten uns auf die Suche nach ihnen.
Es dauerte lange, bis wir endlich fündig wurden. Einmal leuchtende Blätter gesehen, wollten wir herausfinden, was das Leuchten verursachte.

Aus: Leuchtende Pflanzen: eine Physiologische Studie. Hans Molisch, 1904




Molekulargenetische Artbestimmung

Was aber verursacht das Leuchten der Blätter? Sind es wirklich die Blätter, die leuchten? Oder könnten Bakterien des Leuchtens sein? Sind es vielleicht Pilze, wie das schon Hans Molisch vermutet hatte? Oder könnte auch ein chemischer Zersetzungsprozess dafür in Frage kommen?
Um das herauszufinden, haben wir in Zusammenarbeit mit Dr. Renate Heinzelmann von der WSL (Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft) versucht, durch DNA-Proben von leuchtenden Laubblättern den Verursacher zu identifizieren.
Im Frühjahr 2017 begannen wir mit den Untersuchungen und sammelten leuchtende Blätter für die DNA Proben. Zusätzlich wollten wir die Pilze, die auf den Blättern wuchsen, isolieren und versuchen, Reinkulturen zu erhalten. Von diesen Reinkulturen konnten dann ebenfalls DNA-Analysen durchgeführt werden.

Leuchtendes Blatt (In complete darkness)
Leuchtendes Blatt und Fotografien davon. Leuchtendes Blatt (Daylight) Leuchtendes Blatt (In complete darkness) Welche Bereiche sind am vielversprechendsten? Von leuchtenden Stellen des Blattes werden kleine Stücke herausgeschnitten Leucht-Blatt Strukturen. Unter dem Mikroskop sind Myzelfäden sichtbar. Blattfragmente in tubes Blattfragmente vor der DNA Isolation Die Proben wurden mittels des PowerPlant Pro DNA Isolation Kits aufbereitet. A step in the DNA extraction process Gel Electrophorese Resultat der Gel Electrophorese Die Proben werden für die Sequenzierung aufbereitet
Ausschneiden von Blattfragmenten, um Reinkulturen herzustellen. Aufbereitung der Blattfragmente Isolations-Agar-Platten Vier erfolgreiche Reinkulturen, die bei Dunkelhiet schöne Biolumineszenz zeigen
Ausschnitt aus der Sequenzierung mit den Basen paaren Ein <i>Mycena galopus</i> im Wald von Zürich

Die DNA-Analysen der Blätter und der daraus gewonnenen Reinkulturen ergaben, dass es sich um einen Pilz handelte. Das Leuchten wird durch die Pilzart Mycena galopus verursacht.
Mehr Informationen über Mycena galopus


Leuchtende Blätter im Hochmoor?

Im Jahr 2024 haben wir das Hochmoor bei Riffersil sowie den Park Seleger Moor auf biolumineszente Organismen untersucht. Das Habitat zeichnet sich durch die typischen Merkmale eines Hochmoors aus. Der weitläufige Park beherbergt eine grosse Rhododendron-Sammlung. Dieses Habitat unterscheidet sich also erheblich von einem durchschnittlichen Mischwald, wie wir ihn zuvor in der Umgebung der Stadt Zürich untersucht haben.
Kommen hier ebenfalls biolumineszente Organismen vor?
Wenn ja, sind es dieselben Arten, oder sind es andere Arten, die an die Moorumgebung angepasst sind?

Wir sammelten leuchtendes Laub der verschiedenen Bäume und Sträucher im Park. Aus dem auf den Blättern vorkommenden Pilzmyzel stellten wir Reinkulturen her, die Dr. Renate Heinzelmann von der WSL (Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft) für DNA-Analysen verwendete. Für die Proben SM1, SM2 und SM3 (Siehe Bilder unten) liegen DNA-Ergebnisse vor.
Zur molekularen Identifikation wurde die ITS-Region (Internal Transcribed Spacer) amplifiziert. Hierzu wurde das Primerpaar ITS1F und ITS4 verwendet.
Alle drei Proben zeigten eine Übereinstimmung von 99,4 % mit der Pilzart Mycena galopus.

From Samples SM1 - SM3 we were able to make pure cultures for DNA analysis
From Samples SM1 - SM3 we were able to make pure cultures for DNA analysis From Samples SM1 - SM3 we were able to make pure cultures for DNA analysis Hedy collecting samples. Seleger Moor 2024-07-09


Gibt es andere Mycena-Arten, die Blätter zum Leuchten bringen?

Es ist anzunehmen, dass Mycena galopus nicht der einzige biolumineszente Pilz der Schweiz ist, der leuchtende Blätter verursacht, da weitere auf Laubstreu vorkommende Arten für ihr biolumineszentes Myzel bereits bekannt sind.
Um 1930 versuchte Friedrich Bothe (vom Botanisches Institut Braunschweig) eben dies nachzuweisen, wobei es ihm nicht gelang, aus leuchtenden Blättern Fruchtkörper zu kultivieren. Die Fruchtkörper hätten sich anschliessend leicht bestimmen lassen. Er wählte daher den umgekehrten Ansatz: Er kultivierte die Sporen bekannter Mycena-Arten in Reinkultur und beimpfte Eichenlaub, Buchenlaub sowie abgefallene Kiefernnadeln mit dem Myzel. Auf diese Weise konnte er verfolgen, welche Arten auf den Substraten wuchsen und Biolumineszenz zeigten.br> Die Ergebnisse wurden in folgender Schrift publiziert:
F. Bothe: Über das Leuchten verwesender Blätter und seine Erreger. In: Zeitschrift für Wissenschaftliche Biologie Abteilung A–Planta. Band 14, Nr. 3/4, 1931, S. 752–76

Nachfolgend sind Mycena-Arten aufgeführt, die sich auf die Versuche von F. Bothe beziehen oder bereits für ihr biolumineszentes Myzel bekannt sind und als Destruenten von Laub- oder Nadelstreu beschrieben wurden. Es handelt sich somit nicht um Holzzersetzer. Berücksichtigt werden ausschließlich in Europa und der Schweiz heimische Arten.

Spezies Ecology Proof

Mycena galopus All kinds of forest litter/ on needles of coniferous trees R.Heinzelmann & Baggenstos/Rudolf / F. Bothe
Mycena sanguinolenta Humus and plant debris F. Bothe
Mycena pura Leaf humus and on needle beds ---
Mycena stylobates (Synonym von M. dilatata) Leaves, conifer needles, dead culms of grasses F. Bothe
Mycena zephirus On litter F. Bothe
Mycena epipterygia conifer needles, and on decaying wood F. Bothe
Mycena polygramma leaf litter ??? ---


Bislang gibt es für die Schweiz und Europa keine weiteren Nachweise von Urhebern leuchtender Blätter außer den Beobachtungen von F. Bothe sowie der von uns mittels DNA identifizierten Mycena galopus.
Andere laubzersetzende Pilzarten müssten erst noch als Ursache leuchtender Blätter nachgewiesen werden.


List of bioluminescent fungi:
Diversity, Distribution, and Evolution of Bioluminescent Fungi. Perry, B.A., Desjardin, D.E., & Stevani, C. V. (2025).
Liste von biolumineszenten Pilzen
List of bioluminescent fungi
Bioluminescent fungi

Source: Leaf litter decomposition species:
ARONSEN, A. & LASSOE The genus Mycena s.l.
ARONSEN, A. & LASSOE The Fungi of Northern Europe
Ecology of ligninolytic fungi associated with leaf litter decomposition

Reports: Cultivation of bioluminescent mycelium in pure cultures:
For M. galopus:
R. Treu, R. Agerer: Culture characteristics of some Mycena species. In: Mycotaxon. Band 38, 1990, S. 279–309
For M. galopusy, M. poligramma:
M. D. Berliner: Diurnal periodicity of luminescence in three basidiomycetes. In: Science. Band 134, Nr. 3481, 1961, S. 740
For M. criticolor:
The effect of culture conditions on the mycelial growth and luminescence of naturally bioluminescent fungi


--> Baggenstos/Rudolf